Neben der Spur des Regenbogens: Ich bin ein Schwules Mädchen

Neben der Spur des Regenbogens: Ich bin ein Schwules Mädchen

29. November 2014 16 Von Paul'a

Seit einem halben Jahr bezeichne ich mich als Girlfag. Ich habe lange dieses Begehren gespürt, nur fehlte mir die Sprache etwas zu erfassen, das es nicht zu geben schien. Hier ist meine Coming-Out-Geschichte.


Versuche meine Gefühle anderen näher zu bringen verursachten immer überforderte Gesichter. In ihren Augen sah ich kleine Warnlämpchen aufblinken: „Fehler im System! Fehler im System!“ Seit die Queerulant_in das Thema Girlfags und Guydykes als Schwerpunkt behandelt hat, hatte ich endlich ein Wort gefunden! Endlich wusste ich: Das existiert! Es schwirrte nicht mehr lose in meinem Kopf rum. Ich war völlig aus dem Häuschen, ein seltsames Kribbeln, ein: Ich bin nicht allein!

Gleichzeitig war mir klar, dass „Girlfag“ nur ein Versuch ist einem Begehren einen Namen zu geben und es für jede Person etwas anderes sein kann, z. B. sich als Frau schwulen Männern hingezogen fühlen, sich androgynen Männern hingezogen fühlen, als Frau das eigene Begehren für Männer als schwul empfinden – genderqueer oder genderfluid sein, ein „schwules Auge“ haben, Männer anders begehren als der Heteromainstream für Frauen vorgibt, „two boys for every girl“, sexuelle Praktiken und Fetische bevorzugen, die mit Schwulsein oder schwuler Subkultur und Ästhetik assoziiert werden wie etwa Lederbären oder Tom of Finland Bilder… und noch vieles mehr .

Die Wikipedia-Definition: Girlfag (oder „Schwule Frau“ mit großem „S“) ist der Ausdruck für Frauen, die sich besonders zu schwulen bzw. zu bisexuellen Männern und deren Umfeld hingezogen fühlen und/oder sich selbst als schwul definieren. Einige bezeichnen sich selbst als „genderqueer“ oder fühlen sich ganz oder teilweise als „schwuler Mann im Körper einer Frau“.

Girlfag Flag
Girlfag-Flagge (Kombination mit der Genderqueer-Flagge)

Wie hab ich meine Orientierung festgestellt?

Ich weiß noch als der viel gelobte Coming-Out-Film „Sommersturm“ herauskam und ich davon in der Bravo las. (Ich war damals 13.) Ich bin zu dem Zeitpunkt noch gar nicht mit queeren Medien in Berührung gekommen. Die Inhaltsangabe und ein paar Screenshots lösten in mir so eine Unruhe aus, mir war klar, ich musste diesen Film sehen! Ich wusste nicht, was ich mir davon versprach. Doch es war nicht einfach Neugier! Kaum ein anderer Film hat mich so mitgenommen und berührt. Ich konnte mich auf eine Weise mit dem Protagonisten identifizieren, die mir bis dato neu war. Der Film sprach etwas in mir an, was ich nicht verstand, und mich viele Jahre nicht weiter beschäftigte.

In meiner Pubertät habe ich mich immer wieder in schwule und/oder androgynen Jungs verliebt. Es sprach sich in meinem Freundeskreis herum, dass ich wohl zu einer Rarität gehörte: Eine Frau, die es anregend fand Männern beim Knutschen zuzuschauen. (Nicht, dass ich daneben gestanden und geglotzt hätte!) Mein Freundeskreis hat sich das damit erklärt, dass es eben Hetentypen gab, die auf „Lesben-“porno standen und bei mir sei das halt umgekehrt. Es hat mich aber nie „so“ angeregt, ich hab auch nie Schwulenporno gesehen und den kurzen Ausbruch von Schmetterlingen im Bauch, wenn mir zwei händchen-haltenden Männer entgegen kamen, konnte diese Interpretation nicht erklären.

Während meiner ersten Beziehung, habe ich mich ab und zu gefragt, was mit mir nicht stimmt. Egal wie verknallt ich war, so ganz konnte ich mich mit der Idee eines heteronormativen Lebens und vor allem, als Frau in der Beziehung zu sein, nicht anfreunden. Da ich allerdings die passive Rolle einnahm, verwirrte mich das noch mehr, weil: Wenn ich doch den „weiblichen“ Part übernehme, warum fühlt sich das trotzdem so weird an als Frau mit einem Kerl zusammen zu sein? Ich hab das damals mit meinem Wunsch nach einer gleichberechtigten Beziehung interpretiert. Es blieben Gedanken im Hinterkopf.

Als ich Jahre später anfing zu meiner Bisexualität zu stehen, begann ich darüber nachzudenken, wie gut der Begriff meine Sexualität abdecken könne. Klar, ich begehrte auch Männer, aber ich begehrte sie irgendwie… anders. Ich beschrieb das als „schwulen Blick“ und wünschte mir wie ein Kerl zurück begehrt zu werden. Außerdem sprach mich schwule Ästhetik und Kunst sehr an, was meinen damaligen Freund sehr irritierte.

Saß ich mit Heteras zusammen, die von Typen schwärmten, fühlte ich mich wie in einem schlechten Hollywoodfilm gefangen. (Weil er „sooo groß“ und „sooo süß“ ist und „so breite Schultern hat“, echt jetzt?!) Sprach ich etwas aus wie „Sein großer Adamsapfel, und wie sich die Adern an seinem Hals abzeichnen und dieses Schlüsselbein und der Schamhaaransatz und der Hüftschwung und wie er den Mund leicht aufmacht, wenn er grübelt…“ wurde ich entsetzt angestarrt. In schwulen Kreisen fiel ich damit nicht auf. Sicher, es ist ein viel sexualisierender Blick auf Männer und nicht unproblematisch. Doch, dass Typen auf diese Weise angeschaut werden, ist etwas, das mit schwulem Begehren verknüpft wird, weil: Männer werden nicht begehrt, Männer begehren in der heteronormativen Welt.

Manchmal stand ich vor dem Problem, wenn ich mit einem Typen schlief, dass es mich deprimiert oder abgeturnt hat, wenn ich merkte: Er sieht mich als Frau. (Auch hier: Ganz diffuse Gedanken oder seltsame Stimmungsschwankungen.) Wegen Homosozialität begegnen Typen anderen Typen auf eine andere Weise als Frauen. In männlichen Kreisen, egal welcher sexuellen Orientierung, fühle ich mich oft so, als würde ich bestimmte, subtile, oder auch sehr offensichtliche Codes nicht kennen. Ich werde als Frau angesprochen, so angesehen… kein Entkommen. In einigen Männercliquen tat ich alles, um dazu zu gehören und versuchte die Situation zu vermeiden, wie die einzige Frau in der Gruppe behandelt zu werden, die ich war… vergebens. Ich konnte damals auch nicht fassen, was das genau war, das ich so krampfhaft umgehen wollte. Zu einem großen Teil ging es mir um Gleichberechtigung und darum, als einzige Frau in einer Männerclique „cooler als die anderen Mädels“ zu sein. Doch da war noch dieses andere diffuse Ding, das ich mir nicht erklären konnte.

Tja. Und dann kam es Jahre später dazu, dass ich eine Nacht vor Google verbrachte und Suchbegriffe wie „Frau mit schwulem Auge“ eingab, in der Hoffnung andere wie mich zu finden. Meine Freundin bekam diesen Kampf mit und zeigte mir die aktuelle Ausgabe der Queerulant_in: Ein Volltreffer! Doch auch mit „Girlfag“ musste ich erst warm werden.

Mein Gedankensalat: Was, ich und Schwul? Aber ich schau doch gar keine Schwulenpornos wie andere Girlfags! Bin ich vielleicht genderfluid? Das fühlt sich schon so an. Aber ich will doch gar nicht maskulin sein… ich wär lieber eine Tunte! Warum soll ich kein femininer Typ sein können? Schwule Femme? Klingt komisch. Möchtegern-Tunte. Aber… dann bin ich ja nicht nur Schwul, sondern auch bi. Hä? Geht das? Kann ich jemals wieder Hetentypen daten, wenn ich mich vor ihnen oute? Wie wird das mein queerer Freundeskreis auffassen? Wie kann ich dieses Begehren überhaupt leben? Vielleicht bilde ich mir eh alles nur ein.

Das leitete einen Entdeckungsprozess ein, in dem ich mich gerade befinde. Ich fantasiere davon mit abgebundenen Brüsten, als bärtige Tunte auf der Bühne zu stehen, eine Dreiecksbeziehung zu führen oder das Pet eines homoflexiblen/bisexuellen Männerpaar zu sein… Ich bin genderfluid und will einen Typen, der (auch) Typen begehrt und das Männliche in mir sieht und begehrt. Ich bin sehr neugierig, was ich alles über mich erfahren werde und welche Wege ich finden werde, diese Orientierung – so weit möglich, zu leben.