Meine Zeit als GF/GD-Aktivistin. Erkenntnisse und Tipps für Nachfolger*innen.

Meine Zeit als GF/GD-Aktivistin. Erkenntnisse und Tipps für Nachfolger*innen.

5. Juli 2021 0 Von Paul'a

Ende 2013, Anfang 2014, das war eine aufregende Zeit für mich: Ich entdeckte den Begriff „Girlfag“ und damit endlich eine Möglichkeit das auszudrücken, was ich schon lange fühlte. Ich las alles zum Thema, was ich in die Finger bekam, hielt Vorträge, schrieb Blogposts und gründete einen Stammtisch.

Zu Beginn gab es die Adresse nur auf Anfrage, aus Angst vor Störenfrieden. Mit der Zeit wuchs der Stammtisch und wir beschlossen aus unserem Schneckenhaus rauszukommen: Wir zogen in ein queeres Berliner Community-Café (Sonntagsclub) um – nun konnte jede*r einfach dazukommen, der*die am Thema interessiert war. (Den Stammtisch gibt es auch weiterhin, bei Interesse hier klicken.)

Ich knüpfte an die Arbeit von Ili an, die vor mir schon eine Website für Girlfags und Guydykes aufgebaut hatte und auch die englischsprachige Facebook-Gruppe betreut. Zunächst blieb die Homepage auf Jimdo, später zog ich sie auf diese Domain um, die mir der Verein BiNe e. V. (Bisexuelles Netzwerk) zur Verfügung gestellt hat. Davon versprach ich mir einerseits einen Schulterschluss zur Bi+Community, da wir einige Gemeinsamkeiten haben (z. B. sind viele GF/GD, wie ich selbst, auch bisexuell). Andererseits muss ich dank dieser Lösung nicht mit Klarnamen im Impressum stehen. Und das möchte ich definitiv im Jahr 2021 immer noch nicht.

Meine schönste Zeit als GF/GD-Aktivistin war das Jahr 2018, als Lars von Schuckmann den Film „Mimicry“ veröffentlichte. Endlich gab es einen Film über uns, der mehr Interesse seitens der queeren Community und Sichtbarkeit versprach. Das Interesse ebbte irgendwann ab, was wenig überraschend ist.

Doch etwas anderes änderte sich auch: Ich war immer weniger und weniger motiviert für Girlfags und Guydykes Aktivismus zu machen. Die Gründe und Gedanken könnten spannend sein für all diejenigen, die neu dazukommen und Lust haben da weiterzumachen, wo ich aufgehört habe.

Was mich an GF/GD-Aktivismus gereizt hat.

Zunächst aber noch ein, zwei Worte dazu, weshalb ich mir das Thema Girlfags & Guydykes auf die Fahne geschrieben habe, neben meiner eigenen Betroffenheit: Ich liebe es Projekte neu aufzubauen, gestalterische Freiheit zu haben, eigene Ideen umzusetzen und zu machen, anstatt zu philosophieren. Im Jahr 2013 war ich in mehreren queer-feministischen Gruppen aktiv, wo für jede kleine Entscheidung ein Plenum einberufen wurde. Da war GF/GD-Aktivismus extrem erfrischend, da ich hier einfach loslegen konnte und die kleine Community, die wir sind, so gut wie keine Strukturen hatte und dankbar war über alles, was neu entstand.

Doch dieser Vorteil war gleichzeitig auch ein Nachteil, wie ich allmählich feststellte: Mir fehlte der Austausch – nicht der persönliche Austausch, da ich diesen auf den Stammtischen fand, sondern der aktivistische. Mir fehlten Impulse und Tatendrang anderer Leute, andere Perspektiven, der Austausch mit der LGBTIQ-Community – auch kritische Auseinandersetzungen mit dem Thema. Vor allem fehlten mir die Ressourcen für größere Projekte und Kampagnen, da ich mit den drei, vier anderen aktiven Girlfags und Guydykes nicht so viel reißen kann wie ein queerer Verband.

Aus diesem Grund bin jetzt aktiver in der Bi+ Community. Auch wenn Bisexuelle oft unsichtbar sind, haben wir deutlich mehr Strukturen, Vereine, Connections in die LGBTIQ-Community und ein großes Netzwerk aus bi+ oder pansexuellen Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Event-Manager*innen usw., das man anzapfen kann. Kurz: Alles, was mir in der GF/GD-Nische gefehlt hat.

Meine Motivation solche Strukturen für GF/GDs neu aufzubauen war inzwischen vollständig ausgebrannt, weshalb ich aufhören musste. Jemand beschrieb GF/GD-Aktivismus als die brotlose Kunst des queeren Engagements. Das kann ich nur unterschreiben.

Tipp an meine Nachfolger*innen: Raus aus der Nische! Damit dein Aktivismus dauerhaft Spaß macht und sinnvoll ist, setze nicht nur auf GF/GD-spezifische Angebote (Foren, Webseiten, Stammtische, CSD-Fußgruppen…), sondern auch auf die Connection mit anderen queeren Gruppen und auf Öffentlichkeitsarbeit.

Sei dir bewusst, dass queere Verbände nicht von allein das GF/GD-Thema angehen werden. Du musst aktiv auf sie zugehen und ja, leider auch in Kauf nehmen nicht ernst genommen zu werden. Doch positive Rückmeldungen und ehrliches Interesse sind gar nicht so unwahrscheinlich, wie ich immer wieder feststellen durfte.

Das Problem mit den Begriffen…

Eine Sache ist mir nach all den Jahren ein Dorn im Auge geblieben: Die Begriffe Girlfag und Guydyke. Persönlich sehe ich das ähnlich wie Ili und bin der Meinung, dass GF/GD sehr wohl dazu berechtigt sind queerfeindliche Schimpfwörter zu reclaimen.

Aber ich sehe auch immer wieder, wie Menschen allein durch diese Begriffe abgeschreckt sind und danach gar nicht weiter zuhören, wenn man ihnen versucht zu erklären, was Girlfags und Guydykes eigentlich sind. Die Begriffe sind einer der Gründe, warum ich auch weiterhin meinen Klarnamen nicht in Verbindung mit GF/GD-Aktivismus sehen möchte.

Anders als noch vor einigen Jahren, bin ich nicht mehr der Meinung, dass wir die alten Begriffe behalten müssen, damit man uns noch im Internet findet und die vergangenen Errungenschaften nicht verloren gehen.

Im Gegenteil: Ich ermutige potenzielle Nachfolger*innen sich weniger kontroverse und weniger binäre Alternativen zu überlegen. Sie könnten uns erleichtern, die erste Abwehrreaktion zu überwinden, die Menschen uns gegenüber haben. Und damit wäre viel gewonnen.

Warum wollen sich so wenige GF/GD engangieren?

Eine andere, wichtige Frage ist, warum sich so wenige GF/GD eigentlich politisch für die Sichtbarkeit dieser Identitäten einsetzen. Ein Fakt ist natürlich, dass wir eine der kleinsten Minderheiten in einer Minderheit sind. Ein anderer Fakt ist auch, dass wir so wenige Strukturen und Möglichkeiten haben. Ich habe das damals als Vorteil gesehen, weil ich dadurch vieles neu aufbauen konnte. Andere Menschen bringen sich womöglich lieber da ein, wo schon ein Fundament vorhanden ist. Aber ich vermute noch weitere Gründe. Dazu möchte ich zwei Fragen stellen:

1) Was gewinnen Menschen durch die GF/GD-Community?

In der englischsprachigen Facebook-Gruppe meinte jemand mal, dass wahrscheinlich unter den Fujoshis, Slash-Fiction-Fans und Cosplayern viele Girlfags sind – viele werden den Begriff „Girlfag“ nicht mal kennen. Wenn sie in diesen Subkulturen ihr Zuhause gefunden haben, warum sollen sie dann noch eine GF/GD-Community brauchen? Einige werden ihre Identität durch das Lesen oder Schreiben von Slash-Fiction oder durch Cosplay ausleben und haben darüber hinaus nicht das Bedürfnis nach Austausch. Girlfags und Guydykes, die in glücklichen, heterosexuellen Beziehungen leben, spüren nicht unbedingt die Notwendigkeit sich gegen Homofeindlichkeit zu engagieren oder queere Spaces aufzusuchen. Und das ist okay – sie sind nicht weniger Girlfags oder Guydykes. Nur erklärt das vielleicht, warum sie nicht in unserer Community landen oder sich nicht engagieren.

Es gibt aber noch eine ganze Gruppe anderer Menschen, für die die GF/GD-Community sehr wohl wichtig, empowernd und identitätsstiftend sein kann: Menschen, die sich aufgrund ihres Empfindens einsam fühlen und Gleichgesinnte suchen sowie Menschen, die einen starken Clash spüren zwischen ihrem Begehren und dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. Kurz: Menschen, die sich irgendwo auf den nichtbinären oder trans* Spektrum befinden. Diese sollten meiner Meinung nach der Fokus von GF/GD-Aktivismus sein, warum erkläre ich noch.

2) Was sind Forderungen von Girlfags und Guydykes an die Gesellschaft?

Damit GF/GD-Aktivismus einen Sinn hat, ist diese Frage ganz essenziell. Ohne sie fühlt sich die Arbeit an wie Engagement ohne jegliche Relevanz, Bedeutung für oder Einfluss auf die Gesamtgesellschaft – been there, done that… nicht zu empfehlen.

Von der Mehrheitsgesellschaft Akzeptanz für queere Lebensweisen einzufordern ist richtig und wichtig, aber nicht GF/GD-spezifisch. Natürlich ist ein Aspekt der Kampf um mehr Sichtbarkeit, aber das allein ist noch keine Forderung. Was sind GF/GD-spezifische Belange, für die mehr Sichtbarkeit nützlich wäre?

Schön wäre es, wenn wir wüssten, ob sich z. B. die psychische und körperliche Gesundheit von Girlfags und Guydykes von der Gesundheit der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft unterscheidet. Wenn sie schlechter ist, wäre ganz klar die Forderung nach Prävention sinnvoll. Sprich: Wir brauchen mehr Fakten, damit wir wissen, was alles GF/GD-spezifische Belange sind.

Daher ist meine Idee für potenzielle Nachfolger*innen: Erkundige dich nach Möglichkeiten Studien zu dem Thema voranzubringen, denn hier ist definitiv eine Lücke.

Doch für einige Forderungen, brauchen wir nicht unbedingt Studien. Gehen wir einen Schritt zurück und blicken darauf, was Girlfags und Guydykes überhaupt sind: Schwule Frauen, lesbische Männer und nichtbinäre Menschen mit diesen Identitäten. Außerdem haben wir auch großartige schwule trans Männer und lesbische trans Frauen in unserer Community, die sich in einer Phase ihres Lebens mal als Girlfag oder Guydyke bezeichnet haben.

Da brauchen wir nicht lange nach Forderungen zu suchen: Es ist naheliegend als Girlfags und Guydykes zu fordern, dass trans Menschen endlich selbstbestimmt leben können, dass das Transsexuellengesetz (TSG) durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzt wird, Gewalt gegen trans* und nichtbinäre Personen entgegengewirkt wird, die dritte Option im Personenstandsgesetz für nichtbinäre Menschen nutzbar wird usw.

Spezifisch für GF/GD kann hier der Aspekt sexuelle Orientierung sein, der auch in trans* Kontexten nicht immer viel Raum bekommt: Noch immer denken viele Menschen, alle trans* Personen seien heterosexuell. Aufgrund ihrer homosexuellen Orientierung wird die Geschlechtsidentität von trans* Personen oft angezweifelt. Es herrscht die Vorstellung, dass sie ja nicht transitionieren müssten oder kein Problem hätten – sie könnten doch einfach als Heterosexuelle leben. Einige trans* Personen verinnerlichen dieses Denken und gestehen sich daher erst sehr spät ein, dass sie trans* sind, „obwohl“ sie auf Männer bzw. Frauen stehen.

Girlfags und Guydykes – ob cis, nichtbinär oder trans, sind der lebende Beweis dafür, dass dieses Denken Bullshit ist. Hier liegt meiner Meinung nach der Kern der Identitäten: Wir zerstören die Vorstellung, dass Geschlecht und sexuelle Orientierung auf eine cis-heteronormative Weise „zusammenpassen“ müssen. Unsere Widersprüchlichkeit ist unsere Superpower und die sollten wir nutzen.

Die Zukunft von GF/GD-Aktivismus ist trans* Aktivismus!

Aus diesem Grund bin ich ganz klar der Meinung, dass GF/GD-Aktivismus am fruchtbarsten ist, wenn er nichtbinäre und trans* Menschen zentriert. Das bedeutet nicht, dass Cis-Personen nicht mehr Teil der Community sein sollen! Sondern, dass dieser an sich schon genderqueere Widerspruch einer schwulen Frau und eines lesbischen Mannes sehr zentral für die Identitäten ist und darin ihr Potenzial liegt.

Von mehreren trans Personen, die sich früher als Girlfags oder Guydykes identifiziert haben, habe ich schon gehört, dass unsere Community eine Art Brücke und Augenöffner für sie war. Das ist doch großartig! Wie viel großartiger wäre es, wenn wir das bewusster und zielgerichteter angehen würden? Wie schön wäre es, wenn Menschen auf der Suche nach Anlaufstellen für nichtbinäre Personen, unsere Gruppe als Empfehlung auf einer queeren Infoseite sehen würden?

Daher ist mein Tipp an meine potenziellen Nachfolger*innen: Suche den Schulterschluss zur trans* und nichtbinären Community!

Hier lohnt sich die Aufklärungsarbeit, hier lohnt es sich Ressourcen und Kräfte zu vereinen und den Vereinen begreifbar zu machen, wo unsere Gemeinsamkeiten liegen. Hier können wir politisch am meisten bewegen und stärken nicht nur uns, sondern allgemein eine der vulnerabelsten Gruppen der queeren Community.

Ich gebe den Staffelstab ab.

Ich habe mich schon aus der Orga des Berliner Stammtischs zurückgezogen und bin wesentlich weniger aktiv auf Social Media. Außerdem verfolge ich nicht mehr laufend, ob es neue Artikel zu dem Thema gibt und auch meine redationelle Arbeit an dieser Website ist minimal. Ich bin aber weiterhin ansprechbar und lese E-Mails.

Ich würde mich sehr freuen diese Website an eine andere engagierte Person abzugeben, die den GF/GD-Aktivismus weiterführen will. Meine vorerst letzte „Amtshandlung“ wird sein ein queeres Archiv zu finden, dem ich das gesammelte Material zu GF/GD (Zeitschriftenartikel, Bücher, wissenschaftliche Arbeiten usw.) zur Verfügung stellen kann, damit Forscher*innen und Privatpersonen auf der Suche nach Ressourcen es finden können.

Aktuell scheint das GF/GD-Thema auf Social Media und im Forum ziemlich tot zu sein – es gibt viel weniger neue Beiträge als noch vor einigen Jahren. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass unsere Community irgendwann wieder neuen Schwung kriegen wird. So war das zumindest bislang immer: Die von Ili initiierte GF/GD-Schwerpunktausgabe der Queerulant_in und der Film von Lars haben bereits in der Vergangenheit neue Impulse und Menschen zusammengebracht.

Wenn das passiert, werde ich da sein. Wer weiß, vielleicht werde ich dann auch wieder neue Energie und Motivation für GF/GD-Aktivismus haben. 😉 Bis es soweit ist, werde ich mich anderen queeren Kämpfen widmen.

Zum Schluss bedanke ich mich bei all den wundervollen Menschen, die ich durch die GF/GD-Community kennenlernen durfte! <3